Ich habe doch alles – warum fühle ich mich trotzdem leer?
- Suse

- vor 1 Tag
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Es gibt ein Leben, das von außen betrachtet vollkommen in Ordnung ist.
Eine Beziehung, ein Alltag, vielleicht ein Job, der Sicherheit gibt.
Routinen.
Verlässlichkeit.
Ein Gefühl von „Ich komme klar“.
Viele Frauen leben genau so. Und genau diese Frauen stellen sich irgendwann eine Frage, die sie selbst erschreckt: Warum fühle ich mich trotzdem leer?
Diese Leere ist kein Zusammenbruch. Sie kommt nicht mit Drama. Sie ist leise. Unaufgeregt. Fast höflich. Sie meldet sich zwischen Terminen, beim Abwasch, auf dem Heimweg. Und gerade weil sie nicht laut ist, wird sie oft ignoriert. Oder erklärt. Oder weggeredet.
„Ich habe doch alles.“
„Andere wären froh.“
„Das ist Jammern auf hohem Niveau.“
Dankbarkeit wird dann zur inneren Disziplinierungsmaßnahme. Und genau hier beginnt das Problem.
Dankbarkeit heilt keine Leere.Sie überdeckt sie.
Viele Frauen haben gelernt, Gefühle nur dann ernst zu nehmen, wenn sie eine klare Ursache haben.
Trauer braucht einen Verlust.
Wut einen Anlass.
Freude einen Grund.
Innere Leere hingegen passt in kein Raster. Sie lässt sich nicht rechtfertigen. Also wird sie infrage gestellt.
Dabei ist sie kein Zeichen von Undankbarkeit. Sie ist ein Hinweis auf eine innere Diskrepanz. Der Unterschied zwischen äußerer Stabilität und innerer Wahrheit ist feiner, als viele denken.
Äußere Stabilität sorgt dafür, dass ein Leben funktioniert. Innere Wahrheit sorgt dafür, dass es sich bewohnt anfühlt. Und beides ist nicht automatisch dasselbe.
Viele Frauen haben sich über Jahre ein stabiles Leben aufgebaut. Mit guten Gründen. Mit Verantwortung. Mit Anpassung. Sie haben Entscheidungen getroffen, die sinnvoll waren. Die Sicherheit gebracht haben. Die sie getragen haben. Und irgendwann merken sie: Es trägt noch – aber es nährt nicht mehr.
Das ist kein Versagen. Das ist Entwicklung.
Was diese Leere oft so schwer macht, ist nicht ihr Inhalt, sondern das Schweigen darum. Kaum jemand spricht offen darüber. Nicht, weil es selten wäre – sondern weil es schambesetzt ist. Frauen schämen sich dafür, sich leer zu fühlen, obwohl „doch alles gut ist“. Also funktionieren sie weiter. Freundlich. Kompetent. Belastbar. Und entfernen sich innerlich immer weiter von sich selbst.
Viele berichten, dass dieses Gefühl erst richtig spürbar wird, wenn eine Begegnung etwas in ihnen berührt.
Manchmal ist es ein Mensch.
Manchmal ein Gespräch.
Manchmal nur ein Moment von Tiefe.
Kein Drama. Kein Versprechen. Aber plötzlich ist da etwas, das sich lebendig anfühlt. Und im gleichen Moment wird deutlich, wie lange man das vermisst hat.
Diese Begegnung ist selten die Ursache der Leere.Sie ist der Kontrast.
Und genau deshalb wird sie oft falsch eingeordnet. Statt zu fragen, was sie in uns zeigt, fokussieren wir uns auf das Außen. Auf den Menschen. Auf die Situation. Auf das „Warum jetzt“.
Dabei liegt die eigentliche Wahrheit tiefer: Etwas in uns war lange nicht mehr gehört worden.
An diesem Punkt geraten viele Frauen innerlich unter Druck. Sie denken, sie müssten jetzt etwas tun. Eine Entscheidung treffen. Klarheit schaffen. Ordnung herstellen. Doch diese Phase verlangt etwas anderes: Wahrhaftigkeit.
Und Wahrhaftigkeit ist nicht gleich Handlung.
Es geht nicht darum, Beziehungen infrage zu stellen oder das eigene Leben auseinanderzunehmen. Es geht darum, sich selbst nicht länger zu übergehen. Ehrlich hinzuschauen, wo man sich angepasst hat. Wo man sich klein gemacht hat. Wo man funktioniert hat, statt zu fühlen.
Provokant gesagt: Viele Frauen haben gelernt, sich selbst zu erklären, statt sich selbst zuzuhören.
Sie analysieren ihre Gefühle, statt sie zuzulassen.
Sie bewerten sie, statt sie wahrzunehmen.
Und sie hoffen, dass sie verschwinden, wenn sie nur lange genug ignoriert werden. Doch innere Leere ist hartnäckig. Nicht, weil sie etwas zerstören will – sondern weil sie ernst genommen werden möchte.
Der erste Schritt zurück zu dir selbst ist kein großer. Er ist leise.
Er beginnt damit, dir selbst wieder zuzuhören. Nicht mit dem Ziel, sofort Antworten zu finden. Sondern mit der Bereitschaft, deine Empfindungen nicht länger zu relativieren.
Was fühle ich wirklich – jenseits von Pflicht und Vernunft?
Was fehlt mir – nicht im Außen, sondern im Erleben?
Wo habe ich mich selbst verlassen, um stabil zu bleiben?
Diese Fragen sind unbequem. Aber sie sind ehrlich. Und Ehrlichkeit ist oft das, was Frauen sich selbst am längsten verweigern. Nicht aus Unachtsamkeit, sondern aus Gewohnheit. Weil sie gelernt haben, stark zu sein. Vernünftig. Tragfähig.
Innere Leere ist kein Zeichen dafür, dass dein Leben falsch ist. Sie zeigt dir, dass du dich verändert hast. Dass du weiter bist als manche Strukturen, in denen du dich bewegst. Und dass etwas in dir nicht mehr überhört werden will.
Vielleicht geht es gerade nicht darum, etwas zu lösen.
Vielleicht geht es darum, etwas zuzulassen.
Still zu werden. Hinzu-spüren. Und dir selbst die Erlaubnis zu geben, ehrlich zu sein – auch dann, wenn noch nichts klar ist.
Manchmal ist genau das der Anfang von allem.




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